Tod im Kreise der Familie

Vorwort

Jörg Hess ist Zoologe und arbeitet als Verhaltensforscher, Fachjournalist, Fotograf und freier Mitarbeiter des Zoologischen Gartens Basel. Er erforscht seit über 40 Jahren Menschenaffen und hat mit Berggorillas im ruandischen Regenwald gelebt. Jörg Hess beobachtet Gorillas und speziell deren Mutter-Kind Beziehung.

Er schildert in einer Publikation vom 01. Januar 2001 seine persönlichen Beobachtungen und Erlebnisse zum Thema Tod und Trauer unter Tieren. Anhand des anstehenden Beispiels sollte vor Augen geführt werden, in welcher Vielfalt und Differenziertheit auch Tiere auf den Tod eines ihnen Vertrauten reagieren können.

Gorillamann Pepe starb den Alterstod

Am Morgen vom 09. April 1999 starb Pepe, der betagte Gorillamann der Basler Gorillafamilie, den Alterstod. Als man ihn tot inmitten seiner Familie fand, entschied man sich dafür, den Familienmitgliedern mit dem toten Pepe noch einige Stunden Ruhe zu lassen, und man schloss für die Abschiedsstunden das Affenhaus. Die neun Mitglieder der Familie hielten sich gegen fünf Stunden ausschliesslich in dem Raum auf, in dem sich der tote Pepe befand, obwohl die Türen in die beiden angrenzenden Räume wie üblich Tag und Nacht offen standen.

© Jörg Hess

Seine Familienmitglieder nahmen Abschied

Jedes Familienmitglied gestaltete den Abschied seinem Wesen entsprechend. Pepe wurde mit starr anmutenden Blicken angesehen, freundlich berührt und berochen, und einzelne versicherten sich seiner Nähe dadurch, dass sie sich kurz zu ihm hinsetzten und einfach eine Hand auf seinen Körper legten. Die ältere Gorillafrau Kati rempelte Pepe gelegentlich imponierend an, aber ihr Verhalten galt nicht dem Toten, sondern entsprang Katis Eifersucht all denen gegenüber, die Pepes Nähe allzulange für sich beanspruchten. Quarta und ihre erwachsene Tochter sassen etwas abseits, Pepe zugewandt, erhoben sich aber etwa jede Viertelstunde, gingen zu Pepe hin, berührten ihn kurz und setzten sich danach wieder auf den alten Platz zurück. Die drei Kleinkinder Viatu, Wima und Vizuri hatten an den Körpern ihrer Mütter zu bleiben und durften sich nicht wie üblich in deren Umfeld spielerisch beschäftigen. Kisoro, der jungerwachsene Schwarzrücken, verhielt sich dem Toten gegenüber wie zuvor, als Pepe noch lebte. Er sass ruhig und freundlich beim grossen toten Gefährten, schaute ihn an und berührte ihn sanft und zurückhaltend, bis sein Jungmännertemperament von ihm verlangte sich aufzuspielen. Er ergriff in solchen Augenblicken eine Hand oder einen Fuss Pepes und versuchte erfolglos, den Toten auf diese Weise von der Stelle zu bewegen.

© Jörg Hess

Goma war seine Gefährtin von der frühesten Kindheit

Goma, die älteste unter den Gorillafrauen, blieb als einzige fast vier Stunden lang direkt neben Pepe im Körperkontakt sitzen und hielt ihre eine Hand auf den Körper des Toten gelegt. Gelegentlich beugte sie sich vor, sah Pepe von ganz nahe forschend ins Gesicht oder beroch ihn. Gomas intensive Zuwendung ist verständlich, denn sie war Pepes Gefährtin von der frühesten Kindheit an. Erst als die Familienmitglieder hin und wieder für kurze Zeit auch die Nebenräume aufzusuchen begannen – und das war nach etwa fünf Stunden der Fall – schloss man die Schieber zum Raum, wo Pepe lag.

Nachwort

Sein Tod kam nicht unerwartet, er litt seit einiger Zeit an einer schweren Leberkrankheit. Zudem war Pepe durch seinen doppelseitigen mittelgradigen Grauen Star, stark sehbehindert. Mit diesem Handicap wäre er in einer freilebenden Gorillagruppe sicherlich vertrieben worden oder wäre gar gestorben. Die Einrichtung im Gehege kannte er über die vielen Jahre auswendig. An den Bewegungen, Verhalten und Gerüchen erkannte er seine Gorillafamilie und konnte sie so führen. Zudem achtete man darauf, das Pepe kein junger Anwärter, der ihm den Platz streitig machen konnte, zur Seite gestellt wurde. Unter diesen Voraussetzungen war es möglich, dass er zu Lebzeiten der unangefochtene Chef sein konnte.

Autor / Jörg Hess

Zwischentitel und Vor- und Nachwort / Juri Ritter

Bücher von Jörg Hess

Die wunderbaren und zeitlosen Werke von Jörg Hess sind sehr empfehlenswert und können unter www.joerghess.ch bestellt werden.

Menschenaffen – Mutter und Kind
Berggorillas – Eine Hommage
Familie 5, Berggorillas in den Virunga-Wäldern
Zoologische Miniaturen
Heimliche Untermieter: Von allerlei Getier zwischen Keller und Dach
 
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